Joseph Eichendorff: Die Flucht der heiligen Familie

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Die Flucht der heiligen Familie

Länger fallen schon die Schatten,
durch die kühle Abendluft,
waldwärts über stille Matten
schreitet Joseph von der Kluft.

Führt den Esel treu am Zügel;
linde Lüfte fächeln kaum,
’sind der Engel eise Flügel,
die das Kindlein sieht im Traum.

Und Maria schauet nieder
auf das Kind voll Lust und Leid,
singt im Herzen Wiegenlieder
in der stillen Einsamkeit.

Die Johanneswürmchen kreisen,
emsig leuchtend übern Weg,
wollen der Mutter Gottes weisen
durch die Wildnis jeden Steg.

Und durchs Gras geht süßes Schaudern,
streift es ihres Mantels Saum;
Bächlein auch läßt jetzt sein Plaudern,
und die Wälder flüstern kaum,
daß sie nicht die Flucht verraten.

Und das Kindlein hob die Hand,
da sie ihm so Liebes taten,
segnete das stille Land,
daß die Erd’ mit Blumen, Bäumen
fernerhin in Ewigkeit
nächtlich muß vom Himmel träumen –
o gebenedeite Zeit!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

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Die Flucht der Heiligen Familie. Ein schönes Gedicht, das zum Nachdenken anregt. Viele vergleichen es mit den Flüchtenden der heutigen Zeit. So richtig passt dieser Vergleich nicht, aber in einigen Punkten schon. Aber auch in anderen Punkten können wir uns mit Maria und Joseph sehr gut identifizieren.

Haben wir nicht alle schon mal erlebt, dass uns die Türen vor der Nase zugeschlagen wurden, wenn wir Hilfe brauchten? Oft ist es gar nicht so, dass wir um etwas betteln oder bitten. Oft sind es die leisen Zeichen von Not, die unsere Mitmenschen schroff zurückweisen.
Bis heute ist es so, dass man Menschen nicht helfen will, wenn sie es am nötigsten brauchen, sondern lieber denen gibt, denen es eh schon gut gibt.

Man erfreut sich an denen, die in Reichtum und Glück leben, man möchte etwas von ihrem Glück abhaben und so beschenkt man sie noch mehr. Man beschenkt sie tatsächlich mit Gütern, aber auch mit Zuwendung, Aufmerksamkeit und vor allem mit Zeit!
Zeit wird gerne für die Menschen investiert, von denen man sich Vorteile erhofft. Andere, denen es nicht gut geht und die Zuwendung bräuchten, weist man schroff zurück. Wie oft begründet man dies noch mit Aussagen wie „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied“ und schiebt im Stillen oder im Lauten, den Menschen, die eher vom Pech verfolgt sind, selbst die Schuld zu.
Maria und Joseph waren solche Menschen. Sie waren arm, hatten nichts zu bieten und brauchten ein Dach über dem Kopf. Maria war hochschwanger, doch die Wirtsleute sahen in ihr nichts als eine Bettlerin, die an ihrem Schicksal selbst schuld war.

So kam das Jesuskind in einem ärmlichen Stall zur Welt und nicht in einem sauberen, gut eingerichteten Wirtshaus, die es damals natürlich auch schon gab.

Man wollte den armen Leuten Maria und Joseph nichts geben und man sah in ihnen auch nichts Besonderes. Kommt Ihnen das bekannt vor? Auch heute unterschätzen wir unsere Mitmenschen, verkennen ihr Potential und ihren Wert.

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